Klinik

1866 wurde das Krankenhaus für nervenkranke Patientinnen und Patienten als Königliche Landesirrenanstalt zu Göttingen in Betrieb genommen. Es diente unter anderem auch als Universitätsklinik, um angehende Ärzte im Fachgebiet der Nervenheilkunde auszubilden. Erst 1954 wurden die Universitätsklinik Göttingen und das damalige Niedersächsische Landeskrankenhaus getrennt.

1866 wurde Ludwig Meyer auf den ersten psychiatrischen Lehrstuhl im damaligen Königreich Hannover nach Göttingen berufen, zugleich übernahm er von 1866 bis 1900 die Leitung der Irrenanstalt. Mit ca. 120 Aufnahmen im Jahr 1890 führte Meyer Überwachungszimmer mit ständig geöffneter Türe ein. Die Zellenabteilung erhielt dicke Fensterscheiben zum Lüften, die aber ein Entweichen unmöglich machten. Meyer knüpfte Erfolg bzw. Misserfolg bei der Behandlung von Geisteskranken an die ärztliche Haltung: besonders müsse auf eine rücksichtsvolle, höfliche und freundliche Umgangsform geachtet werden. Nach dem Vorbild der Anstalt Friedrichsberg entwarf Meyer in Göttingen das Konzept für eine Klinik für 100 männliche Kranke mit Acker- und Gemüsebau, verschiedenen Werkstätten, einer Bibliothek sowie Konzertveranstaltungen mit Tanz. Mit dem Sommersemester 1887 führte Meyer mit einer fortlaufenden klinischen Vorlesung mit  Falldemonstrationen in das Fachgebiet ein. Der klinisch-psychiatrische Unterricht sollte dazu beitragen, die Irrenheilkunde zu einer gleichberechtigten medizinischen Wissenschaft zu entwickeln. Frucht dieses Anliegens war 1867 die Gründung des «Archivs für Psychiatrie und Nervenkrankheiten». Im Vorwort der Erstauflage wies der Herausgeber Griesinger unter Mitarbeit von L. Meyer und C. Westphal auf einen Umschwung in der Psychiatrie auch in ihrem Verhältnis zur übrigen Medizin hin. Bereits im folgenden Jahr übernahmen L. Meyer und C. Westphal die Herausgeberschaft im Sinne des verstorbenen Griesinger; zu ihnen stießen später unter anderem E. Leyden, B.Gudden, Th. Meynert.

Die Gutachten gereichten weder den Ärzten noch dem Staate zur Ehre“ (Meyer 1891, S.8)

Als erster Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie in Deutschland führte Meyer psychiatrische Vorlesungen mit Krankendemonstrationen auch für die Studenten der Jurisprudenz ein. 1869/70 unterschied Meyer in einer Stellungnahme zur Novelle des preussischen Strafrechts «Täter bei Unzurechnungsfähigkeit» und Täter mit «verminderter Zurechnungsfähigkeit». Zur Behandlung geisteskranker Verbrecher forderte er eigene Anstalten oder Gefängnisabteilungen unter psychiatrischer Leitung.

Meyers Nachfolgers August Cramer erarbeitete 1907 eine Konzeption für eine Anstalt für  verbrecherische Geisteskranke. Im April 1909 wurde das „Verwahrungshaus für unsoziale Geisteskranke“, so die damalige Bezeichnung des Instituts, der Bestimmung  übergeben.
Cramers Nachfolger wurde 1912 Ernst Schultze.  Wissenschaftlich befasste er sich z.B. der Frage:  ”Ist der beamtete Arzt verpflichtet, den Versorgungsbehörden Krankengeschichten ohne Zustimmung des Betroffenen auszuhändigen?” (1926), vor allem aber forensisch-psychiatrischen Themen. Er ist als Gutachter des Massenmörders Fritz Haarmann zu einiger Berühmtheit gelangt.

Ullrich Venzlaff war 1969-1986 Ärztlicher Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Göttingen. Sein Augenmerk legte er besonders darauf, die aus heutiger Sicht menschenunwürdigen Behandlungs- und Lebensbedingungen der psychisch Kranken zu verbessern und die Klinik nach außen zu öffnen. Während seiner Zeit als Leiter des LKH wurde der Komplex umgebaut und die Wandlung der Klinik von einer psychiatrischen Anstalt in ein modernes Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie eingeleitet.
Ullrich Venzlaff beeinflusste wesentlich die Entwicklung der forensischen Psychiatrie in Deutschland. So führte er 1975 die erste offene Station des Maßregelvollzuges in einem deutschen psychiatrischen Krankenhaus ein; außerdem eine Außenwohngruppe.
1986 wurde von Venzlaff und Förster erstmals das Standardwerk „Psychiatrische Begutachtung” herausgegeben. Bei der ersten Auflage war Venzlaff Alleinautor.

Prof. Dr. Gunter Heinz war zunächst in der Nachfolge Venzlaffs Ärztlicher Direktor des Gesamtkrankenhauses und nahm als Chefarzt der forensisch-psychiatrischen Abteilung auch die Lehre in der Forensischen Psychiatrie wahr.  Er wechselte dann 1994 auf die neu eingerichtete  C4 Professur für Forensische Psychiatrie der Georg-August-Universität Göttingen und und  hatte gleichzeitig weiterhin die Chefarztposition der verselbständigten Abteilung für Forensische Psychiatrie des Landeskrankenhauses inne, gab die Aufgaben des Ärztlichen Direktors aber ab.  Diese  Professur, behielt Heinz bis 2005 inne. Die über 63 Betten verfügende Forensische Abteilung umfasste auch das   Feste Haus, den zentralen Hochsicherheitstrakt für psychisch kranke Straftäter Niedersachsens. Heinz  etablierte  eine Behandlungskonzeption  mit vier Lockerungs- und Entwicklungsstufen, und in Abhängigkeit von den jeweiligen therapeutischen Fortschritten erfolgten die Behandlungen fortan auf  der hochgesicherten Station 14, der ebenfalls noch im Festen Haus gelegenen  etwas freizügiger geführten Station 15, der neu eingerichteten  sozialpsychiatrisch orientierten Station 16 und der  offenen Station 17.
Auch der ambulanten Nachsorge forensisch-psychiatrischer Patienten wurde in Göttingen große Bedeutung zugemessen, und so wurde 1993 eine forensisch-psychiatrische Spezialambulanz eingerichtet. Die erste Evaluation 1996 nahm die gegenwärtigen Ergebnisse vorweg: Die Rückfallquote der in der Regel aufwändig betreuten Patienten betrug weniger als 6%.  

Im Laufe der Jahre wuchs die forensische Klink auf 93 Betten im Jahr 2006 an. Mit dem Ausscheiden von Gunter Heinz wurde die Abteilung als W2 - Schwerpunktprofessur unter das Dach der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie verortet. Wenige Monate nach dem Amtsantritt durch Jürgen L. Müller wurden zum 1.1.2007 die meisten der Niedersächsischen Landeskrankenhäuser teilprivatisiert, d.h. die Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben blieben landesbediensteten Ärzten und Pflegern vorbehalten. Mit der Beleihung durch Asklepios GmbH wurde das Feste Haus als nicht privatisierbare zentrale Hochsicherheitseinrichtung dem Maßregelvollzugszentrum Moringen angegliedert. Die mit dem Beleihungsakt fixierte Verpflichtung zur Gestaltung einer gesicherten Aufnahmestation wurde nach 8 jähriger Vorlaufszeit schließlich 2014 umgesetzt. 2007 wurden die Forensischen Institutsambulanzen eingeführt. Gegenwärtig werden in der Klinik 63 Patienten auf Grundlage der Paragraphen 63, 126 S t PO, etwa 40 Patienten in der Forensischen Institutsambulanz sowie weiter etwa 30 ehemalige Patienten in der allgemeinpsychiatrischen Ambulanz Patienten betreut. In der Klinik sind 4 landesbedienstete Ärzte (1Ltd OA, 1 OA, 2 Assistenten), 3,5 Psychologen, 41 Pflegerische Mitarbeiter, 2 Mitarbeiter im Sozialdienst und 3 weitere im Funktionsdienst sowie ein Sicherheitsbeauftragter beschäftigt. Die Klinik hat die volle Weiterbildungsermächtigung für den Schwerunkt Forensische Psychiatrie.

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Institut

An der Schwerpunktprofessur sind gegenwärtig 1 W2 Schwerpunktprofessor sowie 2,5 wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Von den Mitarbeitern der Klinik und der Schwerpunktprofessur werden mehrere Hundert Gutachten zu allen Rechtsgebieten eigenverantwortlich in Nebentätigkeit erstattet.

Seit 2011 wird das Präventionsprojekt „Prävention Sexueller Missbrauch“ (PsM) umgesetzt. Befristet bis 2017 wird das Projekt vom Land Niedersachsen, der AsklepiosGmbH Niedersachsens sowie der Universitätsmedizin Göttingen in 2 Tranchen zu 600.000€ und 650.000€ gefördert.  Die Präventionsambulanz PsM wird wissenschaftlich evaluiert. Dabei werden das eigens konzipierte Therapiekonzept ebenso wie ätiopathogenetische Konzepte, diagnostische Kriterien und prognostische Faktoren erforscht.

J. L.Müller ist seit 2010 Sprecher des Referats Forensische Psychiatrie der DGPPN, von 2012 bis 2014 war er Mitglied im Vorstand der DGPPN. An der Schwerpunktprofessur werden regelmäßig Fortbildungen veranstaltet. 2010 fand die Auftaktveranstaltung der der Tagung empirisch forschender  Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten (EFPPP) statt, die sich explizit  an Nachwuchswissenschaftler und jährlich den Ludwig Meyer Preis (Asklepios GmbH Göttingen), den Eberhardt Schorsch Preis  (Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, Hamburg) sowie den Hermann Witter Preis (Homburg) auslobt. Nach Hamburg, Homburg und Wien  wird die 5. Tagung 2015 erneut in Göttingen stattfinden. Die Beiträge werden in einem Jahresband im MW Verlag veröffentlicht.

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